Rassismus in der Musikbranche

Rassismus in der Musikbranche ist weltweit und aktuell ein tiefgreifendes, strukturelles Problem, das sich in verschiedenen Genres, Ländern und auf unterschiedlichen Ebenen manifestiert. Trotz globaler Bewegungen wie Black Lives Matter und öffentlicher Solidaritätsbekundungen bleiben Diskriminierung, kulturelle Aneignung und institutionelle Benachteiligung allgegenwärtig. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Formen des Rassismus in der Musikindustrie, zeigt konkrete Beispiele aus verschiedenen Bereichen und analysiert, wie sich Widerstand und Gegenbewegungen formieren.
1. Struktureller Rassismus in der Pop- und Mainstream-Musikindustrie
1.1. Diskriminierung schwarzer Künstler:innen: Von Mikroaggressionen bis zu institutioneller Benachteiligung
Schwarze Musiker:innen berichten weltweit von rassistischen Erfahrungen, die von alltäglichen Mikroaggressionen bis hin zu systematischer Ausgrenzung reichen. Eine zeigt, dass 63 % der schwarzen Musikschaffenden bereits direkte oder indirekte Rassismuserfahrungen gemacht haben, 71 % erlebten rassistische Mikroaggressionen. Besonders betroffen sind schwarze Frauen, die oft mit doppelter Diskriminierung konfrontiert sind: als Frau und als Person of Color.
- : Viele schwarze Künstler:innen werden als „Feigenblatt“ für ansonsten komplett weiße Line-ups oder Projekte gebucht, ohne dass sich die strukturellen Machtverhältnisse ändern. Der schwarze DJ und Produzent Galcher Lustwerk berichtete 2020 auf Twitter von Erfahrungen, in denen er als „Ausnahme“ oder „Exot“ behandelt wurde, während weiße Promoter in seiner Gegenwart rassistische Sprache verwendeten.
- : Schwarze Künstler:innen erhalten seltener lukrative Verträge, werden weniger in Führungspositionen der Musikindustrie beschäftigt und sind in den Charts unterrepräsentiert – obwohl Genres wie Hip-Hop, R&B oder Dancehall maßgeblich von schwarzen Communities geprägt wurden. Die Musikindustrie profitiert seit Generationen von schwarzer Kultur, ohne die Gemeinschaften angemessen zu honorieren oder zu fördern.
1.2.
Kulturelle Aneignung bleibt ein zentrales Problem: Weiße Künstler:innen übernehmen häufig Elemente schwarzer Musikstile, Mode oder Ästhetik, ohne die Ursprünge zu würdigen oder die Communities zu unterstützen. Beispiele:
- : Cyrus’ Auftritt bei den MTV Video Music Awards 2013, bei dem sie Elemente schwarzer Tanzkultur (Twerking) nutzte, löste Kritik aus, da sie damit eine Kultur kommerzialisierte, die schwarzen Künstlerinnen oft als „unmoralisch“ oder „vulgär“ angelastet wird.
- Taylor Swift und Hip-Hop: Swifts Nutzung von Hip-Hop-Elementen in ihrer Musik und ihren Videos wurde als kulturelle Aneignung kritisiert, da sie als weiße Künstlerin von einem Genre profitiere, das historisch marginalisierten Communities gehört.
- Festivals und Mode: Auf europäischen Festivals tragen weiße Festivalbesucher:innen häufig Dreadlocks, Cornrows oder traditionelle Kleidung anderer Kulturen – oft ohne Wissen über deren Bedeutung oder die damit verbundenen Diskriminierungserfahrungen.
2. Rassismus in der klassischen Musik: „Alte, weiße Männer“ und fehlende Diversität
2.1.
Die klassische Musikszene ist nach wie vor von weißen, männlichen Komponisten und Interpret:innen dominiert. Schwarze Musiker:innen und Komponist:innen sind in Orchestern, auf Podien und in Spielplänen stark unterrepräsentiert. In den USA sind nur etwa 2 % der Musiker:innen in klassischen Ensembles schwarz – ein Wert, der sich in Europa ähnlich darstellt.
- Erfahrungsberichte schwarzer Musiker:innen: Die Sopranistin Julia Bullock und der Dirigent Brandon Keith Brown berichten von rassistischen Vorfällen, etwa wenn ihnen aufgrund ihrer Hautfarbe bestimmte Rollen angeboten oder verweigert werden. Brown wurde etwa der Zugang zur Garderobe verweigert, weil ein Security-Mitarbeiter nicht glauben konnte, dass er der Dirigent sei.
- : Der klassische Kanon besteht fast ausschließlich aus Werken weißer, europäischer Komponisten. Schwarze Komponist:innen wie Florence Price oder William Grant Still werden selten gespielt, obwohl ihre Werke künstlerisch gleichwertig sind. Initiativen wie die Radioreihe „A History of Black Classical Music“ von Eleanor Alberga versuchen, diese Lücken zu schließen.
2.2. Antisemitismus und andere Formen der Diskriminierung
Auch Antisemitismus ist in der klassischen Musik nach wie vor ein Thema. Jüdische Musiker:innen berichten von subtilen und offenen Diskriminierungserfahrungen, etwa wenn ihnen bestimmte Repertoires oder Positionen verweigert werden. Die Debatte um Richard Wagners antisemitische Schriften und deren Nachwirkung zeigt, wie tief diese Strukturen verwurzelt sind.
3. K-Pop und globale Popkultur: Rassismus und kulturelle Aneignung
3.1. Rassismus in der K-Pop-Industrie
Die südkoreanische K-Pop-Industrie ist ein globales Phänomen – doch auch hier gibt es rassistische Strukturen:
- : Mehrfach gerieten K-Pop-Idols in die Kritik, weil sie rassistische Klischees reproduzierten, etwa durch Blackfacing oder die Verwendung des N-Worts in älteren Videos. Die Girlgroup Kiss of Life löste 2025 eine Debatte aus, als Mitglieder in einem Livestream rassistische Gesten zeigten.
- : Trotz des globalen Erfolgs von K-Pop sind nicht-asiatische Künstler:innen in der Branche kaum vertreten. Die Industrie bleibt weitgehend homogen, und internationale Fans kritisieren die mangelnde Diversität in den Bands.
3.2.
Während die K-Pop-Industrie selbst oft unpolitisch bleibt, engagieren sich Fans weltweit gegen Rassismus. Während der Black-Lives-Matter-Proteste 2020 nutzten K-Pop-Fans ihre digitale Macht, um rassistische Hashtags zu „fluten“ und Polizeiapps zu blockieren. Diese Aktionen zeigen, wie Musikcommunities solidarisch handeln können – auch wenn die Industrie selbst oft zögert, Stellung zu beziehen.
4. Widerstand und Gegenbewegungen: Von #TheShowMustBePaused zu neuen Initiativen
4.1.
Nach dem Mord an George Floyd 2020 initiierten die schwarzen Musikmanagerinnen Jamila Thomas und Brianna Agyemang den „Blackout Tuesday“. Die Musikindustrie legte für einen Tag die Arbeit nieder, um auf strukturellen Rassismus aufmerksam zu machen. Viele Labels wie Universal Music Group richteten „Task Forces“ und Fonds ein, um Diversität zu fördern. Doch Kritiker:innen bemängeln, dass viele dieser Maßnahmen symbolisch blieben und keine tiefgreifenden Veränderungen bewirkten.
4.2. Neue Initiativen und Forderungen
- „Black Lives in Music“ (UK): Die Initiative fordert mehr Repräsentation, transparente Karrierewege und die Abschaffung rassistischer Strukturen in der Branche. Sie veröffentlicht regelmäßig Studien und organisiert Workshops.
- : In einem offenen Brief forderten Führungskräfte der Musikindustrie, den Begriff „Urban Music“ abzuschaffen, da er schwarze Künstler:innen in eine „Nische“ dränge und ihre Musik marginalisiere. Stattdessen solle von „Black Music“ gesprochen werden, um die kulturelle Herkunft und Bedeutung anzuerkennen.
- : In Deutschland und anderen Ländern wird zunehmend gefordert, den Musikunterricht zu dekolonisieren – etwa durch die Einbeziehung nicht-europäischer Musiktraditionen und die kritische Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen in der Musikgeschichte.
5. Fazit: Rassismus in der Musikbranche – ein
Rassismus in der Musikbranche ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein aktuelles, globales Problem. Er zeigt sich in der Diskriminierung schwarzer und indigener Künstler:innen, in der kulturellen Aneignung, in der Dominanz weißer Strukturen und in der mangelnden Repräsentation marginalisierter Gruppen. Obwohl es Gegenbewegungen und Initiativen gibt, bleibt die Branche oft bei symbolischen Gesten stehen. Eine echte Veränderung erfordert , faire Bezahlung, die Anerkennung kultureller Ursprünge und eine konsequente Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.
Die Musikindustrie steht vor der Herausforderung, ihre rassistischen Strukturen nicht nur zu benennen, sondern aktiv abzubauen – und zwar nicht nur an „Aktionstagen“, sondern jeden Tag.
Quellen und weiterführende Literatur
- Black Lives Matter: Das späte Erwachen der Musikindustrie – Groove Magazin
- Führungskräfte der Musikindustrie fordern Schritte zur Bekämpfung von Rassismus – Musikexpress
- Black Lives in Music – Studie bestätigt Rassismus in der britischen Musikbranche – egoFM
- Klassik und Diversity: Was müsste sich ändern? – BR-KLASSIK
- Hat K-Pop ein Rassismus-Problem? – Starzone
- Pop und kulturelle Aneignung: Als Techno plötzlich hessisch war – DIE ZEIT
- Rassismus in der Kultur – „Die klassische Musik unterteilt nach Rasse und Klasse“ – Deutschlandfunk
- K-Pop gegen Rassismus: Cyberkrieg der Fanarmee – Belltower.News
- Corso-Spezial: Pop postkolonial – Schwarze Stimmen, neue Wege – Deutschlandfunk

