Rassismus in der europäischen Musikszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Rassismus in der europäischen Musikszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war ein tief verwurzeltes, vielschichtiges Phänomen, das sich in verschiedenen Bereichen der Musik manifestierte – von der klassischen Musik über den Jazz bis hin zur Unterhaltungsmusik. Er zeigte sich in struktureller Diskriminierung, kultureller Aneignung, rassistischer Ideologie und gewaltsamer Verfolgung. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten des Rassismus in der europäischen Musikszene dieser Zeit, zeigt konkrete Beispiele und berichtet über die Situation in den unterschiedlichen Bereichen.
1. Klassische Musik: Antisemitismus und die Dominanz weißer, männlicher Komponisten
1.1. Antisemitismus als strukturelles Problem
In der klassischen Musik Europas war Antisemitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allgegenwärtig. Besonders deutlich wurde dies in Deutschland und Österreich, wo jüdische Musiker und Komponisten systematisch ausgegrenzt, diffamiert und verfolgt wurden. bei der Verbreitung antisemitischer Vorurteile. Seine Thesen, die Juden als „fremde Elemente“ in der europäischen Kunst darstellten, prägten die Musikwelt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Wagner argumentierte, jüdische Musiker seien unfähig, „echte“ deutsche oder europäische Musik zu schaffen, und ihre Werke seien „seelenlos“ und „oberflächlich“.
Diese rassistischen Vorurteile hatten konkrete Folgen: Jüdische Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy oder Gustav Mahler sahen sich trotz ihrer künstlerischen Erfolge mit massiver Diskriminierung konfrontiert. , erlebte, wie ihm der Posten verweigert wurde, solange er offiziell als Jude galt. Sein Werk wurde von Kritikern oft als „zu jüdisch“ oder „unauthentisch“ abgewertet – ein Muster, das sich bei vielen jüdischen Musikern wiederholte.
1.2. Verfolgung und Exil
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verschärfte sich die Situation dramatisch. Jüdische Musiker wurden aus Orchestern und Musikhochschulen ausgeschlossen, ihre Werke wurden verboten, und viele sahen sich gezwungen, ins Exil zu fliehen. Die Ausstellung „Entartete Musik“ (1938) diffamierte jüdische und moderne Komponisten als „undeutsch“ und „zersetzend“. Betroffen waren nicht nur jüdische Musiker, sondern auch solche, deren Musik als „zu modern“ oder „nicht-arisch“ galt. Komponisten wie Arnold Schönberg, Paul Hindemith oder Kurt Weill mussten Deutschland verlassen, um ihrer Verfolgung zu entgehen.
1.3. Eurozentrismus und die Marginalisierung nicht-weißer Musiker
Die klassische Musikszene war nicht nur antisemitisch, sondern auch tief eurozentrisch geprägt. Der Kanon der „großen Komponisten“ bestand fast ausschließlich aus weißen Männern wie Bach, Beethoven oder Brahms. Nicht-weiße Musiker und Komponist:innen wurden systematisch ausgegrenzt oder als „exotische Kuriositäten“ wahrgenommen. Der Musikwissenschaftler Phil Ewell kritisiert, dass diese Strukturen bis heute nachwirken: „Es lebten seit Jahrhunderten nicht-weiße Menschen in Europa, allerdings wurde die gesamte Iberische Halbinsel aus dem Bild des ‚hohen‘, ‚entwickelten‘ Europas getilgt.“.
2. Jazz und Unterhaltungsmusik: Rassismus gegen schwarze Musiker und kulturelle Aneignung
2.1. Schwarze Musiker in Europa: Zwischen Begeisterung und Diskriminierung
In den 1920er und 1930er Jahren erlebte der Jazz in Europa einen Boom. . Einerseits wurden sie als exotische Attraktionen vermarktet, andererseits erlebten sie allgegenwärtigen Rassismus. In vielen europäischen Ländern durften schwarze Musiker nicht in denselben Hotels wie weiße Künstler übernachten, und in Restaurants oder Clubs wurden sie oft abgewiesen. Die sogenannte „Chitlin’ Circuit“-Struktur, ein Netzwerk von Spielstätten, die schwarzen Künstlern offenstanden, existierte auch in Europa, da viele etablierte Veranstaltungsorte sie ausschlossen.
2.2. Minstrel Shows und Blackfacing: Rassistische Stereotype auf der Bühne
Ein besonders eklatantes Beispiel für Rassismus in der europäischen Musikszene war die Tradition der Minstrel Shows, in denen weiße Schauspieler sich als Schwarze verkleideten („Blackfacing“) und rassistische Klischees verbreiteten. Diese Shows, die im 19. Jahrhundert in den USA entstanden, wurden auch in Europa populär und prägten das Bild schwarzer Musik als „primitiv“ oder „komisch“. Selbst in der Weimarer Republik, die als relativ liberal galt, traten schwarze Künstler oft unter rassistischen Vorzeichen auf. Die Sängerin Marian Anderson etwa, die in den 1930er Jahren in Deutschland auftrat, wurde zwar für ihre Stimme bewundert, doch viele Zeitgenossen konnten nicht akzeptieren, dass eine Schwarze „deutsche“ Musik wie Schubert oder Beethoven interpretierte.
2.3. Kolonialismus und „exotische“ Musik: Ausbeutung und Klischees
Die europäische Faszination für „exotische“ Musik war eng mit kolonialen Machtstrukturen verknüpft. in ihre Werke – doch oft geschah dies auf eine Weise, die die ursprünglichen Kulturen klischeehaft reduzierte. Die „Weltmusik“-Bewegung, die im frühen 20. Jahrhundert aufkam, war geprägt von einem kolonialen Blick: Nicht-europäische Musik wurde als „folkloristisch“ oder „ursprünglich“ stilisiert, während europäische Musik als „hochkulturell“ und „universell“ galt. Diese Hierarchisierung führte dazu, dass Musiker aus Kolonialgebieten selten als gleichwertige Künstler wahrgenommen wurden.
3. Nationalismus und Musik: Rassismus als staatliche Doktrin
3.1. Musik im Dienst der Rassentheorie
In vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, wurde Musik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zunehmend als Instrument nationalistischer und rassistischer Ideologien genutzt. Die Nationalsozialisten nutzten Musik, um ihre Ideologie von der „Überlegenheit der arischen Rasse“ zu verbreiten. Jüdische, schwarze und moderne Musik wurden als „entartet“ gebrandmarkt und verboten. Gleichzeitig wurde „deutsche“ Musik – etwa die Werke Wagners oder Beethovens – als „rein“ und „erhaben“ gefeiert.
3.2. Rassismus in anderen europäischen Ländern
Auch außerhalb Deutschlands war Rassismus in der Musikszene verbreitet. In Frankreich etwa wurden schwarze Musiker oft als „wild“ oder „unzivilisiert“ dargestellt, während ihre Musik gleichzeitig kommerziell ausgenutzt wurde. In Osteuropa, etwa in Polen oder Ungarn, wurden jüdische Musiker durch Quotenregelungen an Musikhochschulen und Orchestern systematisch benachteiligt. Die Idee, dass Musik „national“ oder „rassisch“ sein könne, war in vielen Ländern verbreitet und führte zu einer Marginalisierung von Minderheiten.
4. Widerstand und Emanzipation: Schwarze und jüdische Musiker kämpfen zurück
Trotz der massiven Diskriminierung gab es auch Formen des Widerstands. Viele schwarze Musiker nutzten ihre Auftritte, um rassistische Stereotype zu durchbrechen. Josephine Baker etwa, die in den 1920er Jahren in Paris zum Star wurde, inszenierte sich als selbstbewusste, emanzipierte Künstlerin und setzte sich öffentlich gegen Rassismus ein. Jüdische Musiker wie Arnold Schönberg oder Kurt Weill flohen ins Exil und schufen dort Werke, die sich kritisch mit Verfolgung und Vertreibung auseinandersetzten.
In der klassischen Musik begannen einige Dirigenten und Musiker nach 1945, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch die strukturellen Probleme blieben bestehen: , und der Kanon der „großen Komponisten“ ist nach wie vor überwiegend weiß und männlich.
Fazit: Ein Erbe, das bis heute nachwirkt
Der Rassismus in der europäischen Musikszene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war kein Randphänomen, sondern ein zentrales Strukturelement. Er zeigte sich in der Ausgrenzung jüdischer und schwarzer Musiker, in der rassistischen Ideologisierung von Musik, in der kolonialen Ausbeutung „exotischer“ Klänge und in der Hierarchisierung von Kulturen. Obwohl es auch Ansätze von Widerstand und Solidarität gab, prägten diese Strukturen die Musikwelt nachhaltig – und viele ihrer Auswirkungen sind bis heute spürbar.
: Sie zeigt, wie tief Rassismus und kulturelle Hegemonie in den Institutionen der Musik verankert sind – und wie wichtig es ist, diese Strukturen zu hinterfragen und zu verändern.
Quellen und weiterführende Literatur
- Rassismus in der Klassik: Alte, weiße Musik – DIE ZEIT
- Antisemitismus in der Klassik: Eine Spurensuche – BR-KLASSIK
- Rassismus in der Kultur – „Die klassische Musik unterteilt nach Rasse und Klasse“ – Deutschlandfunk
- Afro-amerikanische Bühnenkünstler:innen 1877–1933 – Stadtmuseum Berlin
- Kolonialismus und Musik – Goethe-Institut
- Trans-traditionelle Kunstmusik und Dekolonisierung – Trickster Orchestra
- „Entartete Musik“ und Verfolgung jüdischer Musiker – Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar

